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Die Römer – eine lebendige Geschichte
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nächste Nachbarort von Ediger-Eller moselabwärts ist winzig: Nehren
hat kaum mehr als 100 Einwohner – ein beschaulicher Fleck, und doch
einer der schönsten am Fluss. Immer wieder begeistern sich die Menschen
für den Blick hoch droben vom Berg aus hinunter auf das Dörfchen, über
den sanft abfallenden, rebenbewachsenen Hang, um den herum sich im Tal
eine Moselschleife windet. Bis Ediger-Eller am Fuß des mächtigen
Calmont, des steilsten Weinbergs von Europa, kann man sehen. Geschichtsliebhabern
schlägt das Herz hier aber aus einem anderen Grund höher: „Römerberg“
heißt der Hang, zu dessen Füßen sich Nehren an die Mosel schmiegt.
Hoch oben zeugen zwei alte, restaurierte Gräber von einer längst
vergangenen Zeit, die aber bei uns noch heute lebendig ist. Nachdem die
Römer vor über zwei Jahrtausenden zu ihren Eroberungen in fast alle
Winkel Europas ausgezogen waren, haben sie es mit erstaunlicher
Sicherheit verstanden, sich stets die besten Orte für ihre
Niederlassungen auszusuchen, sei es für den Bau großer Legionslager,
wie in Mainz, oder nur, um das sonnigste und fruchtbarste Plätzchen für
ein Landgut zu wählen. Auch
an der Mosel haben sie dieses Geschick bewiesen. Am berühmtesten ist
wohl das von hier aus in gut einer Stunde zu erreichende Trier. Die Lage
inmitten einer fruchtbaren Hügellandschaft ist zauberhaft – und für
den Weinanbau optimal. Noch heute schmücken viele imposante Bauwerke
aus der antiken Vergangenheit die Stadt. Dem kleinen Nehren haben die Römer
weniger vermacht, aber auch diesen Ort prägt ihr Erbe. Erste Kunde
haben wir aus dem Jahre 634: Damals wurde er als römische Siedlung
„Villa Nogeria“ erwähnt. Doch hat er schon früher existiert, wie
Funde nahe legen. Als Bauernhof mag alles angefangen haben. Vielleicht
wurde sogar von Anfang an das angebaut, was Nehren heute noch ausmacht:
Wein - kaum ein paar Quadratmeter des Römerbergs, die nicht mit Rebstöcken
bewachsen wären. Einen mehrere Zentner schweren römischen Kelterstein,
der hier die Jahrhunderte überdauert hat, ist seit 1996 auf dem
Dorfplatz zu besichtigen. |
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Auch
im benachbarten Ediger gefiel es einigen Söhnen des eroberungslustigen
Südvolkes so gut, dass sie sich niederließen und Moselaner wurden.
Eine Trümmerstelle am Fuß der Weinlagen „Ediger Feuerberg“ und
„Ediger Hasensprung“ datiert aus dem dritten Jahrhundert nach
Christi Geburt. Auch spätrömische Gräber wurden dort gefunden.
Weinberge sind erstmals für das Jahr 766 überliefert. Und immer wieder
finden sich Reste aus jenen Tagen: Tonscherben, Werkzeugfragmente oder Münzen. Möglicherweise
haben die Römer hier aber schon viel früher Wein angebaut. Schließlich
beschrieb schon der Dichter Decimus Magnus Ausonius, als er um das Jahr
370 n. Chr. sein schwärmerisches Lied über die Mosel verfasste, darin
umfangreiche Rebflächen. Wann genau es aber in unseren Breiten mit der
Produktion des edlen Getränks anfing, ist unklar. Zwar gab schon Kaiser
Domitian rund hundert Jahre nach Christi Geburt ein Edikt heraus, nach
dem der Weinbau in den gallischen Provinzen zugunsten des Getreideanbaus
einzuschränken sei, um eine Überproduktion zu verhindern –
staatliche Mengenbegrenzungen, um einen europäischen Markt zu
regulieren, sind also keine Erfindung unserer Tage. Die Mosel jedoch
wird im Edikt des Kaisers mit keinem Wort erwähnt. Tacitus, der in etwa
zu Domitians Zeit lebte, berichtet, die Germanen würden das Jahr nur in
Winter, Frühling und Sommer einteilen und „einen Namen für den
Herbst ebenso wenig kennen wie dessen Gaben“. Daraus leiten Fachleute
ab, dass es – zumindest im Rheintal, wo die Germanen lebten - keinen
Weinbau gegeben hat, gelten doch die Trauben als eine der herrlichsten
Gaben der Erntezeit. Bekannt
ist andererseits, dass die Kelten schon vor der Besetzung ihres Gebietes
durch die Römer sehr gerne Wein tranken – und bereit waren, dafür Höchstpreise
zu bezahlen. Sie importierten ihn aus dem heutigen Italien und Südfrankreich.
Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus schreibt Diodor von Sizilien:
„Wein lieben die Gallier über alle Maßen. Gierig sprechen sie dem
Trank unablässig zu bis sie berauscht in Schlaf oder Delirium fallen.
Daher nutzen auch viele italische Kaufleute berechnend die Trunksucht
der Gallier als günstige Gelegenheit zur Bereicherung. Sie verschiffen
den Wein auf den Flüssen oder schaffen ihn mit Wagen über Land und
bekommen unglaublich viel bezahlt. Denn für ein kleines Krügchen Wein
erhalten sie einen Sklaven, tauschen also für den Trank einen
Mundschenk ein.“ Selbst die Namen zweier Römer, die zu Diodors Zeit
durch den florierenden Weinhandel mit den Kelten reich wurden, sind überliefert:
Rabirius und Galeo. Sie lieferten bis an die heutige Moselmündung.
Gewiss ist, dass hundert Jahre später Kaufleute und Weinhändler in
Gallien ein Netz von Handelsstationen aufgebaut hatten. Der in Lugdunum
(Lyon) ansässigen Weinhändlerverbindung gehörten auch zwei Kaufleute
aus Trier, also des Trevererlandes an – und Teil davon war früher
auch unsere Region. Ein weiterer Handelsknoten scheint in Bonn gewesen
zu sein.
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Wie
auch immer: Der oben erwähnte Kaiser Domitian machte erst einmal
Schluss mit der Weinseligkeit in den römischen Provinzen. Um so mehr
verdanken diese dem Kaiser Probus (276 bis 282 nach Chr.). Er lockerte
Domitians Edikt und gilt als Begründer des gezielten Weinanbaus nicht
nur in unserer Region, sondern auch im heutigen Ungarn und an der Donaumündung.
Offenbar wurde an der Mosel schon sehr früh mit der auch heute üblichen
Pfahlerziehung begonnen, bei der die Reben an einzelnen, frei stehenden
Stöcken ohne Querbalken hochgezogen werden. Und
wie schmeckte der Moselwein zur Römerzeit? Anders als heute, wie die
Untersuchung römischer Kelteranlagen ergeben haben. Sowohl Rot- als
auch Weißwein wurde angebaut. Um die Farbe des Roten zu vertiefen,
wurde der Traubenmaische Holunder, Kirschen, Brombeeren und Himbeeren
zugegeben, was sicher nicht ohne Auswirkung auf den Geschmack blieb.
Getrunken wurde, wie von Tacitus beschrieben, von den Einheimischen
meist unvermischt. Wer dagegen gute Sitten zeigen wollte, trank den Wein
wie die Römer mit Wasser verdünnt, dafür aber geschmacklich auf
vielerlei Arten nuanciert: mit Honig gesüßt oder auch mit Fruchtsäften,
Gewürzen und Kräutern vermischt. Das klingt im ersten Moment
ungewohnt, doch trinken auch wir heute ähnliche Mixturen, wie die
Beliebtheit von Glühwein, Bowlen oder spanischer Sangria beweisen, um
nur drei Beispiele zu nennen. Auch Traubensirup, -saft und -most wurden
in großen Mengen hergestellt, da sie in der römischen Küche gern
verwendet wurden, etwa als Basis für Soßen oder in Ragouts. Wein
herzustellen war jedoch nicht nur sinnvoll, um den Bedarf der
einheimischen Zivilbevölkerung zu decken. Da auch das in den Provinzen
stationierte Militär Anspruch auf eine tägliche Weinration pro Soldat
hatte, wäre es auf Dauer wohl zu teuer gewesen, dies allein durch
Importe zu bestreiten. So nennt eine antike Quelle ein tägliches
Weindeputat von gut einem halben bis einem Liter pro Legionär, je nach
Rang. Dafür beschränkten sich die Truppen nicht aufs Exerzieren,
sondern halfen, die Provinzen technisch und wirtschaftlich zu erschließen:
beratend und planend beim Bau von Straßen, Brücken, Wasserleitungen
und Gebäuden, aber auch unterstützend mit den eigenen Händen. Transportiert
wurde das Getränk in Amphoren und Fässern, gelagert wie noch heute üblich:
in dunklen, feuchten und kühlen Kellern. Auch der Vertrieb kommt uns
bekannt vor. Antike Darstellungen zeigen Verkaufsläden mit Theken und
Gefäßen, und man nimmt an, dass die Kunden den Wein vor dem Kauf
probieren konnten, wie noch immer in südlichen Ländern üblich – und
bei uns. Aus kühlem Steingut trank man damals den Wein. Funde erlauben
es, uns eine gedeckte Tafel in einer Weinstube zur Römerzeit
vorzustellen: Gereicht wurde das Getränk in Henkelkrügen, getrunken
meist aus grauschwarzen Keramikbechern. Die Verzierung beschränkt sich
anfangs auf einfache Muster und Traubendarstellungen. Später werden die
Verzierungen bunter und aufwändiger: Meist schmücken weiße, zum Teil
auch rotbraune Tiere, Girlanden, Blüten, manchmal auch Portraits das
Geschirr. Auch Trinksprüche finden sich als Dekor. Sie haben den
Weingenuss, die Liebe oder die Gesundheit zum Thema haben. Glasgefäße
lösen die Keramik spätestens im vierten Jahrhundert nach Chr. ab. Im
Moselort Mehring wurde ein besonders schönes Stück gefunden: ein
Tellerfragment aus blauem Glas mit einem Dekor aus Goldfolie, das
Ranken, Blätter und Trauben darstellt. Höchste Kunstfertigkeit,
Erfahrung und Geduld erforderten die „Diatret-Gläser“, von denen
einige in Köln, einem antiken Zentrum der Glasherstellung, im Römisch-Germanischen
Museum ausgestellt sind. Nur sehr reiche oder hochgestellte Person
konnten sich solch kostbare Weingefäße leisten: Aus dickwandigen,
fehlerfreien Glasrohlingen schliff der Künstler Ornamente, Buchstaben
oder Figuren plastisch heraus. Zum Schluss halten nur winzige Stege das
feine Glasnetz noch am inneren, dünnwandigen Glaskörper fest. An
der Mosel blicken wir also auf eine sehr alte und hochstehende
Weintradition zurück. Das Getränk stand gar unter göttlichem Schutz:
Im gesamten römischen Reich stand Bacchus für den fröhlichen Rausch,
in unserer Region betrachtete man den gallo-römischen Vegetationsgott
Sucellus als Schutzherrn der Winzer und Küfer. Geradezu sinnlich ist
eine Darstellung einer personifizierten Weinrebe, der „Vitis“. Das
Steinrelief wurde an der Mosel gefunden und zeigt eine junge, nackte,
weinlaubgeschmückte Frau, die aus der Erde emporwächst. Claudia Magerl |
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