Der Kaiser-Wilhelm-Tunnel

von S.Roggenkamp

Von diesem Tunnel haben wohl die meisten Deutschen schon einmal gehört, ist er doch in jedem besseren Lexikon gleich nach Gotthard und Simplontunnel aufgeführt. Dieser Bekanntheitsgrad ist darauf zurückzuführen, daß er von 1877 bis 1987 der längste Tunnel in Deutschland überhaupt war. Des öfteren liest man auch noch die Bezeichnung Cochemer Tunnel, der offizielle Name ist und bleibt aber Kaiser-Wilhelm-Tunnel (übrigens ist Kaiser Wilhelm I. gemeint).

Der zweite Name sagt auch schon das Wesentliche über die Lage, nämlich bei Cochem im Moseltal. Das Nordportal liegt direkt in der Stadt Cochem, das Südportal 4205 Meter weiter kurz vor dem Bahnhof Ediger-Eller. Die Tunneltrasse verläuft schnurgerade in Nord-Süd-Richtung durch den Cochemer Krampen, so nennt sich der Berg über dem Tunnel.

Durch diesen Tunnel wird eine weitausholende Moselschleife abgeschnitten und erspart der Moseltalbahn Trier - Koblenz (KBS 690) so einen gewaltigen Umweg.

Einige Daten zum Bau:

  • 15.5.1874 Beginn der Bauarbeiten am Portal Eller
  • 11.8.1874 Beginn der Bauarbeiten am Portal Cochem
  • Mai 1875 Einsatz von Bohrmaschinen System Ferroux, vorher hatte man noch per Hand gearbeitet !
  • 4.5.1877 Durchstich
  • 22.12.1877 Vollendung der Gewölbeausmauerung
  • 1.1.1878 Erste Durchfahrt eines Bauzuges
  • 15.5.1879 Freigabe für den regulären Eisenbahnverkehr

Der Vortrieb erfolgte von den beiden Portalen und drei Hilfsschächten (zwei im Stadtgebiet von Cochem, einer im südlichen Tunnelbereich) nach der alten österreichischen Tunnelbauweise mit Sohl- und Firststollen. Der 50m² große Ausbruchsquerschnitt zeigt das typische zweigleisige Hufeisenprofil.

 

Stark überhöhter Längsschnitt des Tunnels, rechts ist das Nordportal

Der Tunnel steigt von Cochem nach Eller um 14 m an, deshalb kann man auch nicht von einem zum anderen Ende hindurchsehen. Vom Nordportal aus verlaufen zunächst 2570 m mit 0,5% Steigung, es folgen 1300 m in der Ebene und 335m mit 0,3 % Steigung.

Im Abstand von 15-20 m sind in den Seitenwänden Schutznischen für Arbeiter, die sogenannten Ausweichbuchten, angelegt; an der Ostseite 210 Stück, an der Westseite 203 Stück. Zusätzlich gibt es auf der Westseite in regelmäßigen Abständen neun kleine Abstellräume (Grundfläche 3m x 3m), die durch Türen von der Hauptröhre getrennt sind. Hier sind Werkzeuge, Telefon und Beleuchtungseinrichtungen untergebracht. Ansonsten befinden sich noch einige bahntechnische Einrichtungen im Tunnel, nämlich 5 Spannvorrichtungen für die Oberleitung, die Einfahrvorsignale von Cochem und Eller und das Einfahrsignal des Bhf Ediger-Eller mit beleuchteten Vorsignalbaken, 3 Zugbahnfunkantennen an den Portalen und in Tunnelmitte, Fluchtwegschilder mit Entfernungsangabe zum nächsten Portal und eine Orientierungsbeleuchtung, bestehend aus Neonröhren, die in regelmäßigen Abständen an der Seitenwand angebracht sind.

Für die Brandbekämpfung ist in Cochem ein Kesselwagen zur Wasserversorgung stationiert, die örtliche Feuerwehr ist speziell ausgebildet.

Bisher hat es glücklicherweise nur leichte Zwischenfälle gegeben, so im Jahre 1948 eine Kohlenstaubexplosion auf einer Dampflok während der Tunneldurchfahrt.

Besonders eindrucksvoll sind die Portale gestaltet, auffallend hierbei der  Adler in der Mitte.

                       Portal in Ediger-Eller              

Zwei Bilder des Südportals, das linke konnte mit Hilfe eines fotografenfreundlichen Sicherungspostens der Bahn entstehen !

Das Lüftungsproblem:

Eine weitere Besonderheit des Kaiser-Wilhelm-Tunnels sind die verschiedenen Belüftungssysteme, mit denen man im Laufe der Zeit versuchte, die Bildung eines "Rauchpfropfens" während des Dampflokbetriebes zu vermeiden.

Bereits im Jahre 1900 wurde wegen des gestiegenen Verkehrsaufkommens eine Studie über die Lösung des Problems erstellt. Das Ergebnis war, daß vier Jahre später eine Belüftungsanlage der Bauart Saccardo am Portal Cochem in Betrieb genommen wurde. Mit großen Ventilatoren, die in einem Maschinenhaus neben der Tunneleinfahrt untergebracht waren, wurde Frischluft in die Tunnelröhre eingeblasen. Da die Anlage aber gegen die natürliche Luftströmung, die den Tunnel von Nord nach Süd durchzieht, gegenanarbeiten mußte, erwies sie sich bald als zu schwach. Deshalb teufte man 1913 einen 230 Meter tiefen Entlüftungsschacht mit 4 m Durchmesser ab. Er befindet sich 1135 m vom Südportal. 1917 wurde zusätzlich am Schachtkopf eine Absauganlage eingerichtet, die die Saccardo-Anlage unterstützte.

1937 wurde die Saccardo-Anlage schließlich durch 10 Ventilatoren der Bauart Föttinger am Cochemer Portal ersetzt. Dazu wurde hinter dem alten Portal ein zweites Betonportal errichtet, das die Ventilatoren aufnimmt. Zwischen diesen beiden Portalen verbleibt eine Lücke, durch die die Frischluft hereinströmt. Das alte Portal dient daher nur noch zur Zierde, es steht frei ohne Verbindung zur Tunnelröhre. Siehe auch Schemaskizze.

Eine endgültige Lösung brachte erst die Elektrifizierung der Strecke. 1972 begannen die Arbeiten, am 19.11.1973 konnte der eingleisige elektrische Betrieb aufgenommen werden, ab dem 10.9.1974 auch auf dem zweiten Gleis. Damit verbunden war eine gründliche Sanierung des Tunnels. Neben dem neuen, um 60 cm abgesenkten Oberbau, wurde das Gewölbe mit Spritzbeton neu verkleidet.

Heute sind nur noch 8 Ventilatoren am Cochemer Portal betriebsbereit. Der Entlüftungsschacht wurde verschlossen und alle oberirdischen Gebäude auf dem Berg restlos entfernt. Nur noch einige verrostete Zaunpfähle und die Lichtung im Wald erinnern daran, das hier mal "etwas" gewesen sein muß. Das alte Betriebsgebäude am Nordportal von 1904 wird als Eiscafé genutzt.

Die nächste Grundsanierung ist bereits geplant: In den Jahren 2004 und 2005 soll sie stattfinden.

Es wir auch erwogen eine zweite Röhre zu bauen. Die Probebohrungen sind schon in Arbeit.
von S.Roggenkamp

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