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Neuer Kulturweg der Religionen wurde seiner Bestimmung übergeben

Bereits vor dem eigentlichen Festakt hatte der Musikzuges Rotweiss Ediger-Eller mit gekonnt vorgetragenen Musikstücken auf das besondere Ereignis eingestimmt. Ortsbürgermeister Norbert Krötz konnte eine große Anzahl an Gästen, interessierter Bürgerinnen und Bürger, Urlaubs- und Feriengäste an der Tourist-Information der Mosel-Calmont-Region zur Eröffnung des neuen und außergewöhnlichen Kulturweges willkommen heißen.
„Außergewöhnlich ist die Initiative und das Thema”, so Krötz in seiner Begrüßung, das neben der eigenen Religion auch andere Religionen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. „Dass dies gerade hier in Ediger-Eller der Fall ist, ist keine Überraschung. Die WeinKulturLandschaft Mosel ist traditionell religiös geprägt. Den Menschen war und ist bewusst, dass die eigene Religion uns, unsere Gesellschaft, unser Ortsbild und die Kunst stark prägt, ja sogar bestimmt.” Zeugnisse hiervon seien die zahlreichen und in Ediger-Eller in einer auffälligen Häufung anzutreffenden Gotteshäuser, Kirchen, Kapellen, Heiligenhäuschen, Wegekreuze, Ruinen, religiöse Kunstwerke und Grabungsstätten. Der besondere Dank des Ortsbürgermeisters galt neben der wissenschaftlichen und theologischen Begleitung durch Oberstudienrat Wolfgang Wolpert, Pastor Peter Lönarz und Pastoralreferent Marcus Hartmann den weiteren Arbeitskreismitgliedern Rita und Horst Deis, Ursula Zenz und Sigrid Friderichs, die sich im Rahmen der Projektumsetzung zusammen mit ihm in vielen Stunden der Recherche und Diskussion dem sehr sensiblen und hochwertigen Thema gewidmet haben. Ganz besonders dankte er jedoch all den Bürgerinnen, Bürgern, Vereinen und Initiativen, die sich um die sehr wertvollen Kirchen, Kulturgüter und Denkmäler in Ediger-Eller sorgen, sie pflegen und so für die nachfolgenden Generationen erhalten.
Der ca. 6 Kilometer lange Rundweg der Religionen macht dem interessierten Wanderer die Bedeutung der Religionen für die Aneignung und Gestaltung von Dorf und Landschaft sowie für das soziale, wirtschaft-liche, kulturelle und politische Leben deutlich. Der Betrachter soll die eigenen Wurzeln erkennen, Ver-ständnis für das Fremde und Toleranz entwickeln. Der Kulturweg der Religionen fasst den keltischen Natur-glauben, die römische Reichsreligion, das monothe-istische Judentum und das hieraus entstandene Christentum in einem Rundwanderweg zusammen. Neben der Verbesserung des Freizeit- und Kulturange- botes will der Kulturweg und wollen die Akteure und Macher des Weges durch interessante und abwechslungsreiche Informationen über andere Religionen auf friedliche und konstruktive Weise zur Meditation und Diskussion mit und über Andersgläubige anregen und einladen

Stadtplaner Egbert Bremen vom Büro Reitz und Partner in Ochtendung wies bei der Vorstellung der Inhalte darauf hin, dass das Projekt aus der Örtlichkeit entwickelt und mit einer hohen Identifikation und Akzeptanz verbunden ist. Der Weg der Religionen sei mehr als ein „rucksachbetonter” Wanderweg. Er sei Teil und Bereicherung der Mosel.Erlebnis.Route, wobei die Qualität der Darstellung und Inszenierung der besonderen und einzigartigen Qualität der WeinKulturLandschaft Mosel entspricht. Es folgte eine kurze Besichtigung der ehemaligen Synagoge, die, erworben vom „Bürgerverein Synagoge”, nach abschließender Sanierung als Haus der Psalmen religionsübergreifend genutzt werden soll.

Anschließend führte der Weg in die Pfarrkirche Sankt-Martin. Hier wurden die Festgäste nach einer musikalischen Begrüßung von Josef Daniels an der Stummorgel von Pastor Peter Lönarz über die Baugeschichte, die kulturhistorische Bedeutung und die im  Gotteshaus vorzufindenden herausragenden Kunstschätze informiert. „Die Kirche, so Pastor Lönarz, „ist ein Ort des gelebten Glaubens. Sie wird von den Menschen mit Leben erfüllt. Hier spiegelt sich das menschliche Leben in all seinen Facetten wieder“. Nach temperamentvollen Liedvorträgen der Martin-Singers, einem jungen gemischten Chor mit vielen Kindern und Jugendlichen aus Ediger-Eller, trat  Dr. Josef Peter Mertes, Präsident der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion, Trier, ans Rednerpult. „Ich bin überrascht und beeindruckt, von diesem Gotteshaus und dem Programm am heutigen Tage. Der Kulturweg der Religionen reiht sich als weiterer Kulturweg nahtlos in das Gesamtkonzept der Mosel.Erlebnis.Route ein. Wir müssen unseren Gästen etwas bieten und hier sind die Kultur- und Themenwege etwas Besonderes. Über das Thema der Religionen freue ich mich ganz besonders, informiert es doch über unsere Wurzeln, denen wir uns allzu selten bewusst sind. Im Jahr der Konstantinausstellung, die auf die gesamte Moselregion aufmerksam macht, und der Bedeutung Kaiser Konstantins für das Christentum kommt die Eröffnung des Kulturweges der Religionen genau zum richtigen Zeitpunkt. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Idee und deren Umsetzung. Möge der erhoffte Erfolg mit dem Projekt verbunden sein“. Frau Inge Krämer,
Kreisbeigeordnete, gratulierte der Ortsgemeinde Ediger-Eller in Vertretung von Landrat Huwer zur Verwirklichung des Kulturweges. „Ein schwieriges Thema, das hervorragend aufgearbeitet und interessant in Szene gesetzt wurde. Der Kulturweg der Religionen stellt eine Bereicherung in der Vielfalt der Kulturwege entlang der Mosel dar. Ich wünsche dem Kulturweg, dass er gut angenommen wird und der Dorfgemeinschaft und der Mosel viel Glück und Erfolg in ihrem weitern Wirken“.

 

Bürgermeister Helmut Probst hob hervor, dass mit dem Kulturweg der Religionen allein in der Verbandsgemeinde Cochem-Land inzwischen 10 Kulturwegeprojekte mit unterschiedlichen Themen und Schwerpunkten verwirklicht werden konnten. „Miteinander verbunden steht damit in der Region Cochem-Land ein fast durchgängiger Premium-Wanderweg zur Verfügung, der unsere Gäste zum aktiven Erleben und zum Verweilen in der WeinKulturLandschaft Mosel einlädt. Bürgermeister Probst erinnerte noch einmal an die Daten und Fakten zum Ablauf und zur Umsetzung der Projektmaßnahme. „Der Kulturweg der Religionen konnte nur Dank des Bewilligungsbescheides der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier vom 18.07.2006 verwirklicht werden. Zu den mit 45.150,-- € projektierten Gesamtkosten der Maßnahme wurde eine 60%-tige Zuwendung aus Landeshaushaltsmitteln und aus Mitteln der Europäischen Gemeinschaftsinitiative LEADER+ bewilligt. Nach Eingang des Bewilligungsbescheides wurde mit der Projektumsetzung umgehend begonnen. Das Thema „Religionen“ erforderte umfangreiche und zeitintensive Recherchen. Es wurde eine Arbeits- und Redaktionsgruppe gebildet, die zusammen mit dem verantwortlichen Planungsbüro Reitz und Partner, den Entscheidungsgremien und tangierten öffentlichen Stellen und natürlich und vor allem mit den ausführenden Firmen zielstrebig auf den heutigen Tag der Eröffnung des Kulturweges hingearbeitet haben. Neben der Entwicklung eines Projektlogos wurden 3 Projekttafeln an den Einstiegsstellen des Kulturweges und auf diesem verteilt 9 Thementafeln, 10 Objekttafeln und 20 wegweisende Tafeln geschaffen, die den Kulturweg thematisierend in Wert setzen. Zudem wurde das aus dem 16. Jahrhundert stammende und überregional bekannte und bedeutsame Relief „Christus in der Kelter“ restauriert und konserviert, Sitz- und Ruhemöglichkeiten geschaffen und zur Vermarktung des Kulturweges ein Infoheft gedruckt, das über den Weg informiert, vor allem aber neugierig machen soll, diesen selbst in der WeinKulturLandschaft zu erleben. Ich freue mich über die mit der Projektverwirklichung verbundene Bereicherung der Mosel.Erlebnis.Route mit religiösen, meditativen Aspekten und die hieran geknüpfte kulturelle Bereicherung und weitere Verbesserung der touristischen Infrastruktur. Ich bin mir sicher, dass die touristische Wertschöpfung  aus dem Kulturweg zur Stärkung der heimischen Wirtschaft und zur Erhaltung und Schaffung neuer Arbeitsplätze in unserer Region beitragen wird. Ich darf der Ortsgemeinde Ediger-Eller recht herzlich zu dem gelungenen Werk gratulieren und mich bei allen an der Projektumsetzung beteiligten Firmen, dem Planungsbüro Reitz und Partner, vor allem aber den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Arbeits- und Redaktionsgruppe sehr herzlich für die gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung bedanken“.

Pastor Peter Lönarz sprach ein Gebet des Segens zur Einweihung des neuen Kulturweges. Im Anschluss begaben sich die zahlreichen Gäste auf die gemeinsame Wanderung auf dem etwa 6 Kilometer langen Rundweg.

Der wegweisenden Beschilderung folgend wurden die auf dem Rundweg verteilten Themen- und Objekttafeln in einer „Prozession” erwandert. An den einzelnen Standorten und Sehenswürdigkeiten gab es kurze Informationen und Vorträge zum Judentum, den Schönstatt-schwestern, zum Thema Religion und Wein und der Heilig Kreuzkapelle, von wo aus sich ein unvergesslicher Ausblick in das Moseltal, auf Ediger und die im Abendlicht liegende Sankt-Martin-Kirche eröffnete. Höhepunkte der Wanderung auf dem Kulturweg der Religionen waren die Meditationen und Betrachtungen zum bekannten Relief „Christus in der Kelter” von Martin Lohmann in der Kreuzkapelle und von Schwester Theresia zum Thema „Glaube und Hoffnung” an einem eigens im Wald eingerichteten Ort der Stille und der inneren Einkehr. Bei Dunkelheit, der Stille des Waldes Trompetenklängen, Flötenmusik und Kerzenschein wurde es allen „warm ums Herz”. Nach einer leiblichen Stärkung mit Brot und Wein durch den Heimat- und Verkehrsverein
Ediger-Eller gingen die Einweihungsfeierlichkeiten mit einer Lichterwanderung durch das Pehrtal vorbei an der Marienkapelle (Pehrhäuschen) zurück zum Ausgangspunkt stimmungsvoll zu Ende.

Alle Feriengäste, aber auch die einheimische Bevölkerung ist eingeladen, den Weg selbst zu erkunden und kennen zu lernen. Sie werden begeistert sein. Nähere Informationen erhalten Sie bei der Tourist-Information Mosel-Calmont-Region. Hier können Sie auch das neu gedruckte Informationsheft zum Kulturweg der Religionen erhalten. Alle Tourismusbetriebe sind aufgerufen für den neuen Kulturweg zu werben, ihre Gäste zu informieren und neugierig zu machen.

Dieses Projekt wird im Rahmen der EU-Gemeinschaftsinitiative LEADER+ unter Beteiligung der Europäischen Union und des Landes Rheinland-Pfalz, vertreten durch das Ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau, durchgeführt.

Dieses Projekt wird durch
die europäische Union kofinanziert.
Europäischer Ausrichtungs- und Garantiefonds
für die Landwirtschaft, Abteilung Ausrichtung


 

 
  Mein Gott! - Von Martin Lohmann
Bei der offiziellen Eröffungswanderung am 6. Juli 2007 trug der bekannte Publizist und Buchautor Martin Lohmann seinen nachstehend abgedruckten Meditationstext in der historischen Kreuzkapelle auf dem Edigerer Berg vor.

Mein Gott!

Mein Gott, was soll das denn?  Warum dieses schreckliche Bild? Und dafür habe ich mich auf den Weg gemacht – hierhin, in diese alte Kreuzkapelle? Ein Weg, der nach oben führt und beschwerlich ist. Trost habe ich gesucht und Befreiung. Vielleicht. Meine Seele sucht Frieden und Geborgenheit, immer wieder. Und nun? Nun sehen meine Augen Schmerz, Druck, Belastung. Stress würden wir heute vielleicht sagen. Stress und Unterdrückung pur. Es fließt Blut, viel Blut sogar. Gleich aus mehreren Wunden. Und der, aus dessen Wunden das lebenswichtige Blut strömt, ist gebeugt, kurz vor dem Zusammenbruch unter dem Kreuz, das der Kraft der Kelterwinde offenbar nicht widerste­hen kann. Mein Gott, was soll das denn?

Trost? Befreiung? Freiheit? Die Augen sehen nur Schreck­liches. Und sie senden Signale an Herz und Verstand. Sie senden Fragen nach dem Sinn. Ist das, was wir sehen, ein Bild des guten Gottes? Oder nicht doch das einen rächen­den, eines zornigen Gottes. Warum lässt Gott so etwas zu? Warum lässt er Elend, Gewalt, Leid, Qual und Tod zu? Und wenn es denn sein Sohn ist, warum lässt er all dies bei ihm zu? Ist dieser Gott vielleicht doch der, vor dem wir Angst haben müssen? Hat Jesaja, der Prophet aus Jerusa­lem im achten Jahrhundert vor Christus, eventuell Recht, wenn er diesen Gott als Zornigen und Gewalttätigen be­schreibt, der die Völker zertritt und zerschmettert in seinem Grimm – und ihr Blut zur Erde rinnen lässt? (vgl. Jes 63,6)

Der Anblick der Kelter erschaudert. Gott ist eben nicht ein Nichts, ein liebes Etwas, mit dem man alles machen kann. Er kann zürnen. Er hält Gericht. Er ist der Gerechte. Er nimmt jeden von uns ernst. Mit allem. Es ist ihm nicht egal, ob wir ihn lieben oder nicht, ob wir seine Gebote be­folgen oder über sie höhnen, ob wir seine Gebote und damit auch ihn selbst verspotten. Er ist auch nicht der senile alte Weißbärtige, der im himmlischen Schaukelstuhl sitzt und nichts mitbekommt. Nein, man sollte ihn nicht niemals unterschätzen. Nein, man sollte ihn nicht verspotten. Man muss mit ihm rechnen. Immer. Jetzt. Gestern. Heute. Morgen.

Aber: Er rechnet auch mit uns. Mit mir. Wer genau hin­sieht, wer den Augen seiner Seele den Blick gönnt, wer gleichsam eintritt in das auf den ersten Blick so schreckli­che Bild, der sieht mehr als nur Schrecken. Viel mehr. Wer mit den Augen des Herzens schaut, sieht zum Beispiel sich selbst, sieht seine eigenen Sünden, seine Schwächen und seine Fehler. Denn sie sind die Last, die da getragen wer­den muss. Sie sind letztlich der Druck, der da ausgeübt wird. Sie sind das Kreuz, das nach unten presst. Es sind meine Sün­den, die da wirken. Auch damit hat Gott gerechnet. Auch das weiß und wusste er. Schon immer. Gestern. Heute. Morgen. Auch jetzt.

Wer sieht, kann Gott selbst erkennen. Denn der angeb­lich so zornige Schöpfer wird selbst Geschöpf, leidet, weint, hofft und trägt. Und er hält aus. Mich und dich. Wa­rum? Weil er mich und dich liebt. Weil er weiß, wie wir sind. Und weil er weiß, dass wir durch ihn zum Maximum, zum Besten und zur Klarheit, ja zur wirklichen Freiheit be­rufen sind. Freiheit von allem, was drückt und erdrückt. Freiheit vor allem von der Sünde. Und Freiheit sogar vom Tod. Deshalb, wegen dir und mir, nur deshalb, ist Gott Mensch geworden. Nur wegen mir, wegen jedem von uns ist er gekommen. Nur wegen uns lässt er die Last zu, blutet und leidet. Nur wegen uns trägt er sein Kreuz.

Sein Kreuz? Unser Kreuz. Sein Kreuz, von uns gemacht. Unsere Last – die er trägt. Gott als leidender Mensch – den Menschen zuliebe. Nichts Abgehobenes, nichts Weltfremdes, sondern ganz konkret, so wie die Welt ist. Nichts Frömmelndes, keine frommen und leeren Sprüche, sondern Erlösung bie­tet er an. Gott weiß, wie unser Leben ist. Und genau dieses Leben nimmt er in seine Hand, nimmt er auf sein Kreuz, in sein Blut, in seinen Schmerz. Unfassbar. Unglaublich. Aber wahr.

 

Schrecken? Tod? Die Kelter ist kein Marterwerkzeug zur sinnlosen Qual. Sie macht deutlich: Aus Trauben wird Saft, und aus diesem wiederum Wein. Das edelste und reinste Getränk ist nicht denkbar ohne die Kelter. Auch der beste Wein muss durch diese Tortur. Und im Wein ist Leben. Je länger wir hinschauen, desto deutlicher wird, dass hier kein Schreckensbild erscheint, sondern Trost, Labsal, Leben. Denn der Tod ist nicht das Ende. Der Tod ist Verwandlung –  vom Blut des göttlichen Schmerzensmannes in den Wein der Ewigkeit. Seit Jahrhunderten ist dieses Bild des göttlichen Keltertreters ein Symbol für die Eucharistie, also jenes Sakrament, in dem immer wieder neu die Unsterblichkeit Gottes und seines Sohnes, der einer von uns war und bleibt, Wohnung in uns nimmt. Christus in der Kelter sagt eben auch: Der Tod ist tot. Das Leid ist tot. Leid und Tod haben nicht das letzte Wort. Weiß Gott nicht!

Jetzt schauen wir mehr, als wir sehen. Wer sich einlässt auf dieses vermeintlich so Furcht erregende Bild, wird selbst Teil des Bildes. Teil des Bildes der Erlösung, die allen an­geboten wird. Jeder ist zu ihr berufen. Jeder kann es schaf­fen – weil Er es für uns schafft. Er keltert auch unser Kreuz, mein Kreuz. Er keltert auch meine Sünden. Er wan­delt auch mich. Weil er jeden liebt – ohne Wenn und Aber.


Gott ist doch kein Gott des Zornes. Gott ist ein Gott der Liebe, ein Gott der Versöhnung. Sein Sohn hat es gesagt – und bewiesen. Der gebeugte Schmerzensmann wird fast schon zum tänzelnden Gottes­sohn, der sich freut, uns zu erlösen.

Mein Gott, sind wir, bin ich das denn wert? Ja – sagt er schweigend und stark. Ja. Es ist dein Blut, das ich in meinem für dich keltere. Für dich, nur für dich allein habe ich das Kreuz auf mich ge­nommen und den Tod getötet. Damit du, du allein, lebst. Du musst nur Ja sagen, Ja zu dir und Ja zu mir. Dann bist du frei. Ganz frei. Dann bist du erlöst. Gestern. Heute. Mor­gen.

Weil ich dich wandle, hast du die Freiheit, hast du den Frieden. Sag einfach Ja – und du bist frei. Du kannst es. Deine Seele und dein Herz können sehen. Mein Trost und meine Hilfe, meine Geborgenheit, die ich dir schenke, ist deine Freiheit, ist dein Frieden. Ganz si­cher. Gott will Heil. Gott will Leben. Leben in Fülle. Für jeden und jede. Gestern. Heute. Morgen. Mein Gott!                           Martin Lohmann

 Foto folgt!

Martin Lohmann (50) ist Journalist und Publizist. Der studierte Theologe und Historiker lebt mit Familie in Bonn. Als Fernsehmoderator im Bayerischen Fernsehen und als Chefredakteur der „Rhein-Zeitung“ machte er sich deutschlandweit ebenso einen Namen wie als Buchautor. 2007 erschien unter anderem sein viel beachtetes gesellschaftsanalytisches und gesell­schaftskritisches Buch „Maximum. Wie der Papst Deutschland verändert“. Diese Meditation hier erschien aus Anlass der Eröffnung des Kulturwegs der Religi­onen Ediger-Eller im Juli 2007.

 
  Religion und Schöpfung - Von Schwester Theresia
Die Franziskanerin Schwester Theresia (Elisabeth Becker) beeindruckte und
berührte viele tief bei der Eröffnung des Kulturwegs im  sogen. Raum der
Stille mit diesem Meditations-Text:


In den Schriften der hl. Hildegard v. Bingen geht es um den Menschen, der
Geschöpf Gottes ist. Gott, der Urquell allen Lebens, hat den Menschen mit
seinem Kuss ins Leben gerufen. Jeder Mensch existiert, weil Gott ihn gewollt
hat. Die Liebe Gottes ist das Fundament der gesamten Schöpfung. Hildegard
hört Gott sprechen:  „Ich, die feurige Kraft, habe alle lebenden Funken
entzündet. Ich, das feurige Leben, flamme über die Schönheit der Fluren,
leuchte in den Wassern, brenne in Sonne, Mond und Sternen. Mit dem
Windhauch, dem unsichtbaren Leben, das alles erhält, erwecke ich alles zum
Leben.“
Der Mensch hat als Lebensraum die ganze Schöpfung. „Wie der Mensch mit
seinen leiblichen Augen überall die Geschöpfe sieht, so sieht er im Glauben
überall Gott und erkennt ihn durch die Geschöpfe. Alle Geschöpfe hat er dem
Menschen zum Nutzen gegeben, als Lebensraum und Hilfe.  Wenn dieser sie
durch verkehrtes Handeln zerstört, so lässt das Gericht Gottes sie zur
Strafe über ihn kommen.


Lebt der Mensch seiner Natur entsprechend, aus Leib und Seele, aus den
Elementen der Erde und aus dem Himmel, verwirklicht er sich als Geschöpf
Gottes. Dann spürt er in sich Lebensfreude. Denn er soll teilhaben an Gottes
Leben und wachsen in eine Liebesbeziehung zu seinem Schöpfer.
„Von der Tiefe bis hoch zu den Sternen überflutet die Liebe das All. Allem
ist sie liebend zugetan.“
Als Krone der Schöpfung ist allein der Mensch in Verantwortung gestellt.
Hildegard weiß, dass wir immer den Geschmack des Paradiesesapfels im Mund
haben, und dass uns das Sündigen mehr liegt als die Tugend. Die Heilige
richtet ihren Blick in das Lebendige Licht. Die Antwort Gottes lautet: „O
Mensch, du bleibst mir verantwortlich für Schöpfung und Geschichte!“
Verantwortung hat nach Hildegard viel mit  Maßhalten zu tun:  „Wenn der
Mensch geistig mehr aufnimmt, als er verarbeiten und ins Werk setzen kann,
dann wird er krank, weil er im unrechten Maß ist. Es fehlt ihm das Werk des
Herzens, das alles durchkocht.“ Wir würden sagen: der Mensch wird krank an
Verkopfung.
 

Und hier setzt auch die Heilkraft der Natur an. Gott hat den Menschen in den
Garten seiner Schöpfung gestellt, und er tut gut daran, diesen Garten zu
pflegen, damit er daran gesunden kann. Nicht nur die der Natur abgelauschte
Ernährung, nicht nur die Heilkraft der unzähligen Kräuter, sondern die Natur
selbst als Geschöpf ist es, die uns gesunden lässt, wenn wir ihr mit Achtung
begegnen, wenn wir sie bewahren.

Kaum jemand hat eine stärkere Verbundenheit mit der ihn umgebenden Natur
gelebt wie Franziskus von Assisi. In der großen Familie der Geschöpfe tritt
er allen Wesen voll Vertrauen und mit zartfühlender Ehrfurcht entgegen. Wenn
er im Sonnengesang die Geschöpfe mit Bruder und Schwester anredet, so hat er
den Stolz des „Herrn der Schöpfung“ abgelegt.  Geschwister besitzt man
nicht. Erst recht beutet man sie nicht aus.  Man hat sie.

Franziskus lebt aus einer Verbundenheit mit der Schöpfung, die ihn Gott und
Schöpfung in einer einzigen Erfahrung erleben lässt. Seine Sensibilität für
das religiöse Symbol in der Natur lässt ihn überall dem  göttlichen
Mysterium begegnen, weniger mit dem Kopf als mit dem Herzen.  


Haben wir diesen Sinn für die Schöpfung verloren? Wo der Theologe viele
Begriffe braucht,  helfen dem  religiösen  Menschen  Bilder und  Symbole,
die ihm die tiefere Wirklichkeit erschließen können. Ob wir zu dieser Tiefe
noch fähig sind?  Der  1944 in Plötzensee  hingerichtete Jesuitenpater
Alfred Delp sagt es uns so:  „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren
der Schöpfung quillt uns dies gleichsam entgegen. Wir aber sind blind. Wir
bleiben in den guten und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch
bis zu dem Punkt, an dem sie aus Gott hervorströmen. Gott will die betende,
liebende Antwort.“