Festvortrag von Wolfgang Wolpert

Zum Festakt anlässlich der Kirchturmrenovierung am Sonntag, 6. Juli 2003

         

Vortrag von Wolfgang Wolpert

zum Festakt anlässlich der Kirchturmrenovierung am Sonntag, dem 6. Juli 2003

 

Eine große Monstranz

Terribilis est locus iste; hic domus Dei est et porta caeli (Ehrfurcht gebietet dieser Stätte; hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels). Diese Worte spricht der Patriarch Jakob nach seinem Traum von der Himmelsleiter; dann setzt er einen Gedenkstein und nennt den Ort Bet-El  (Haus Gottes). Das ist der Text, den die Kirche bei der Weihe eines dem heiligen Kult dienenden Gebäudes singt. Dem Eigentümer und Bewohner des Hauses gemäß verhalten wir uns beim Eintreten und Verweilen: Wir reinigen uns, knien nieder, schweigen und beten.

Wie kann ein Gebäude Haus Gottes sein? Er wohnt doch nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind, belehrt uns der Apostel anderseits. Wir stehen zwischen zwei Zeugen: Jakob und Paulus, denen sich jeweils noch manche hinzugesellen. Ein offensichtlicher Widerspruch: Verborgenheit und Anwesenheit.

Versuchen wir, uns diesem Paradox zu nähern. Hierbei hilft ein berühmtes Gebet des hl. Thomas von Aquin: Adoro te devote, latens Deitas(In Demut bet ich dich, verborgene Gottheit, an). Sie ist verhüllt in der sichtbaren Menschheit Christi. Das tun in unüberbietbarer Weise Geburt und Kreuzestod kund.

Nun gibt es eine weitere Stufe der Verborgenheit, diesmal von Gottheit und Menschheit. Beide Naturen werden weder durch Sehen, noch durch Berührung noch durch Schmecken wahrgenommen. Zu ihnen, umhüllt vom Schleier des Brotes, findet nur der Glaube Zugang: Es gewähre der Glaube Ergänzung dem Mangel der Sinne.(Praestet fides supplementum  sensuum defectui). Sed auditu solo tuto creditur. Dieser Glaube kommt vom alleinigen sicheren Hören des Wortes Christi. Gott wohnt in der Menschheit, Gottheit und Menschheit wohnen im Brot. Wir stehen vor diesem Geheimnis, einem so großen Sakrament, einem unschätzbaren Gut. Staunend beten wir an.

         Da wir Geschöpfe mit Leib und Seele sind, verleihen wir der Anbetung dessen, der Menschengestalt angenommen hat, Ausdruck in sinnfältiger Weise. So ließ denn ein Stifter im Jahre 1522, wissend, dass das Beste gerade gut genug sei , ein silbernes vergoldetes Haus anfertigen, in dem der verborgene Gott wohnen sollte. Die heiligen Maria, Johannes, Christophorus, Georg, zwei Kreuz und Säule tragende Putten und Martin umgeben das Allerheiligste in der lauteren Brotgestalt. Eine zierliche Kirche mit filigranem Turm, transparent nach allen Seiten!

Diese Monstranz wiederum befindet sich unter einem erneuten Velum,  dem Zelt der Kirche mit seinem spätgotischen 117fach verknoteten Rippenfirmament, das wie ein Herbstlaubwald aus drei Pfeilerbäumen herauswächst. Die Blätter oder Schlusssteine tragen den Auferstandenen, umgeben von den zwölf Aposteln und Paulus. Zweimal zeigt sich die Gottesmutter im Strahlenkranz mit Jesuskind als Patronin einer Bruderschaft einerseits, anderseits von den abendlichen Kirchenvätern bekränzt. Neben den heiligen Stephanus, Laurentius, Michael als Seelenwäger, Martin wie auch dem Hl. Geist als Namensgeber von Bruderschaften und Hospital (1418 bereits bestehend) sehen wir die Wappen der Erzbischöfe (1503-1531) und Dompröpste (1504-1518), das Siegel des Schöffengerichts sowie zahlreiche Handwerkerzeichen, Hausmarken und Rosetten. Acht originelle figürliche Konsolen –darunter zwei Narren- fangen das Gewölbe an den Wänden auf. In einem Bildnis können wir vielleicht den möglichen Baumeister Jodokus von Wittlich erkennen. Elf Fenster erhellen das Gotteshaus.

Diese steinerne Monstranz wird nun wie ihr silbervergoldetes Abbild bekrönt mit einem Turm, der alle nur denkbaren Zierelemente in sich aufnimmt. Da sind die vier Maßwerkfenster, deren westliches fünf Fischblasen miteinander verbindet. Darüber schließt sich ein acht- und zehnbogiger Fries an. Zwölf Öffnungen erinnern noch an die Gerüste der Bauzeit. Über vier wasser-speienden Tierungeheuern, die als Dämonen dem Heiligtum dienen und ihresgleichen abwehren, betont eine Fischblasenmaßwerkbalustrade in elegant aufgelöster Weise die Waagerechte. Hier endet der Steinbau.

                            Auf ihm ruht das Kunstwerk aus Holz, Schiefer und Blei. Vier kreuzbekrönte offene Gauben mit ebenso vielen krabben- und kreuzblumenverzierten  vierseitigen Pyramiden von acht Metern Höhe –diese gedeckt mit fünf verschiedenen Stein-formen- bilden den unteren Reifen einer Tiara. Deren zweite Stufe bietet sich dem Auge als achtfache je vier Meter hohe Gaubenzier dar. Sie trägt im Fensterbereich einen Spiegel. Dieser tritt in vier Motiven auf: Bieberschwänzen, Rauten, Butzenscheiben und Lilienkreuzen: alles in Rot-Gelb. Der dritte Ring besteht aus vier Gauben mit den gleichen Themen. Auf den Spitzen der Gauben und Pyramiden sitzt je eine Taube. Die Gratsparren des acht-seitigen Haupthelms sowie die der zwölf Gauben und vier Pyramiden sind mit Bleikrabben ausgestattet. Insgesamt schmücken die Holzkonstruktion 280 Krabben, 144 Sterne bzw. Blütenblätter, 16 Tauben, ein Radkreuz und der obligatorische Hahn. Diese Papstkrone in ihrer fein gliedrigen, olivenblättrigen Vielfalt aus Materiellem, Vegetativem,  Animalischem und Astralem: aus Schiefergestein, goldgelben Bleiblumen, ebenso solchen beseelten Vögeln und weltallbehausenden Sternen, überhöht vom Kreuz der Erlösung und der Wachsamkeit des Hahns als morgendlichen Zeugen der Geburt und Auferstehung, bietet dem ehrfürchtigen Betrachter ein unvergleichliches Bild des christlichen Kosmos. Es sei erlaubt, in den vier Eckpyramiden die Evangelisten, in den vier Dachfenstern die Kirchenväter und in den zwölf Ziergauben die Apostel zu sehen. Das Oktogon –die Grundform des Helms- diente schon früh als geheiligte Gestalt von Kirchen, Taufsteinen und Türmen.

Wir haben vergeblich Ausschau nach einem dem Edigerer vergleichbaren Turm gehalten und kommen –bereit, sich einen schöneren zeigen zu lassen- zu dem augenblicklichen Schluß, es handele sich hier um den reichstverzierten gotischen Schieferkirchturmhelm Deutschlands, Mitteleuropas, Europas, ja der Christenheit.

Des Menschen alleredelst Sinn ist Sehen, stellt Albrecht Dürer natürlich fest. Welche Schönheit dringt ins Herz durch die Augen!

meint Leonardo da Vinci. Aber die Seele spricht nur Polyhymnia aus, weiß Schiller, der Dichter der “Glocke”. Wie an der Turmmonstranz, einem „Prachtstück von ungemein feiner Ausführung“(1886) zwei Glöckchen hängen, so wartet auch die Krone der Heimat mit einem „unbeschreiblich majestätischen Geläut“ (1831) ihr adäquaten Geläut auf. 1411 wurde Osanna gegossen, 1512 folgten Maria und Martin, Werke des Peter von Echternach. Concordia (wie bei Schiller) heißt die überschwäng-lich geschmückte Glocke des Heinrich von Trier aus dem Jahre 1564. Derselbe Gießer schuf gleichzeitig die alte Rathausglocke Vox clamantis. Zur Abrundung ergänzte man 1995 ein dem hl. Wolfgang geweihtes Geläut. Alle sechs können einer Kathedralkirche  Ehre machen. Im Dachreiter der Friedhofs-kapelle befindet sich das ca. 500 Jahre alte Beichtglöckchen, der Muttergottes und den Evangelisten gewidmet. Und in dieser Symphonie nicht zu vergessen: die Orgel der Familie Stumm und der bis 1476 zurückzuführende Chor. Die gregorianisch singende Gruppe verbreitete in der Pfarrei und in der Diözese ein andächtiges und hohes künstlerisches Niveau. Meine Liebe zum Latein habe ich in Ediger in der Kirche in der Liturgie gewonnen.

Kehren wir zum anfänglich geäußerten Gedanken  zurück:

Gott ist verborgen –Gott ist Mensch geworden, erschienen. Er ist in den Himmel aufgefahren und wohnt unter uns –wiederum verborgen- im Brot: in der Monstranz, in der Kirche; und diese ist daher sein Haus, geziert mit menschlich und künstlerisch nicht zu überbietender Krone, dem Turmhelm. Ich erinnere mich genau, wie über das Haus Gottes gesungen wurde: Laetatus sum in his, quae dicta sunt mihi (Ich freute mich über das, was man mir sagte) zum Hause des Herren werden wir ziehen: in domum Domini ibimus. Hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels, das Zelt Gottes unter den Menschen:

HIC DOMUS DEI  EST ET PORTA CAELI

TABERNACULUM DEI CUM HOMINIBUS

Wir schließen uns dem sich Gott am nächsten befindlichen Menschen an, einer jungen Frau aus dem Orient, die ihn in ihrem Leib getragen und in ihrem Haus hat wohnen lassen, und grüßen Sie herzlich:         SALVE  REGINA      

W.W.

Vorsitzende des Pfarrgemeinderates
Sonja Apel

stellvertr. Vorsitzenden im Pfarrverwaltungsrat
Norbert Krötz

Festvortrag von
Wolfgang Wolpert

Pater Justin

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